Leseprobe: Am Meer der Träume

Kapitel 1: Was für ein Zirkus

Am Himmel hingen einige graue Wolken, während vereinzelte Sonnenstrahlen verzweifelt versuchten, die Zirkus-Kuppel zu beleuchten. Farbige Scheinwerfer flimmerten in die Menschenmenge, die sich hektisch ins Zelt drängelte. Die Musikkapelle spielte ihr allabendliches Lied. Ein süßer Duft von Popcorn und gebrannten Mandeln lag in der Luft. Mit dem letzten Paukenschlag erlosch die Treppenbeleuchtung im ganzen Zelt und ein greller Scheinwerfer trieb dem Zirkusdirektor den Schweiß aus den dick geschminkten Poren, während er mit einem Lächeln die Zuschauer zur Abendvorstellung begrüßte. «Liebe Zirkusfreunde, liebe Eltern und Kinder. Herzlich willkommen zu einem unvergesslichen Abend voller Magie. Zirkus ist der Ort, an dem sie mit offenem Mund und offenen Augen Träumen dürfen.» Der Direktor verneigte sich förmlich, während die ganze Manage hell erleuchtet wurde und die ersten Artisten in die Manege stürmten.

Samira Fröhlich stand wie gewohnt in der letzten Box im Elefanten-Zelt. Ihr rechtes Hinterbein war mit einer dicken Kette an einem morschen Holzpflock fixiert. Träge wippte Samira ihren Kopf hin und her, sodass ihr Rüssel immer knapp über den großen Wassereimer glitt. Der afrikanische Tierpfleger hat ihn auf Geheiß des Stallmeisters genau so platziert, wo er schon immer zu stehen hatte. Eigentlich stand der Eimer etwas ungelegen, aber Samira hatte sich längst daran gewöhnt. «Es gibt keinen besseren Ort zum Leben, … nicht wahr?» sagte Samiras Mutter fast täglich mit ermahnender Stimme, als sie noch klein war. «Wir haben frisches Wasser, Heu und ein Dach über dem Kopf … mehr braucht man nicht!» Und sie hatte ja Recht. Hier im Zirkus ging es eigentlich allen Tieren gut. Es gab kurz nach dem Sonnenaufgang und vor der Abendvorstellung für die Elefanten eine reichhaltige Mahlzeit. Vor jeder Vorstellung wurden die Elefanten gebürstet und mit einem glitzernden Kopfschmuck aufgepeppt. Samira konnte wirklich zufrieden sein mit ihrem Leben, denn sie hatte von allem genug. Sie war in Sicherheit und sie wusste was zu tun war, um von den Peitschenhieben der Tierpfleger verschont zu bleiben. Samira war zusammen mit Jamiro von Tobel die Hauptattraktion im Zirkusprogramm. Jamiro war etwas größer und kräftiger als sie und er war der unangefochtene Anführer einer kleinen Herde die auf jedem Zirkus-Plakat abgeduckt war. Der Auftritt der Elefanten kam immer direkt nach dem Auftritt von Pipo dem Clown. Jeder Elefant wusste genau was es zu tun gab. Und wenn ganz am Schluss alle Elefanten auf einem Podest sitzen und die Vorderbeine und den Rüssel gemeinsam in die Höhe stemmen klatsche und pfiff das Publikum begeistert.

«Wie war ich heute Abend?», fragte Jamiro erwartungsvoll, als sie nach der Vorstellung zurück in das Elefantenzelt trotteten.
«Du warst richtig gut.» erwiderte Samira trocken.
«Was soll denn das nun wieder heißen?»
«Gar nichts Jamiro … nur, dass du richtig gut warst. Wie jeden Abend?»
«Ach komm schon. Was ist los mit dir?», fragte Jamiro fordernd.
«Nichts Besonderes. Ich habe heute wieder das große Bild vom Meer gesehen. Du weißt doch welches ich meine?» beschwichtigte Samira verträumt.
Jamiro verdreht seine großen Kulleraugen. «Ach das schon wieder!»
«Irgendwann Jamiro – irgendwann werde ich ans Meer gehen! Und ich möchte einen ganzen Tag in den Wellen baden. Und dann will ich zuschauen, wie die Sonne im Meer versinkt. Genau so wie auf dem großen Bild im Schaufenster in der Stadt», sagte Samira und schaute Jamiro dabei tief in die Augen.
«Frau Fröhlich spinnt mal wieder! Jedes Jahr die gleiche Leier.»
Jamiro presste seine Augen zu und schüttelte den Kopf. Das Blut schoss ihm dabei durch die dicken Adern über seiner Stirn und er holte tief Luft bevor es aus ihm herausbrach: «Liebe Samira Fröhlich. Was willst du denn noch alles? Wir haben es hier im Zirkus wirklich spitzenmäßig. Die Menschen lieben uns und wir sind die Stars in der Manege. Wir bekommen hier täglich ein schmackhaftes Essen und frisches Wasser, ohne das wir dafür durch irgendwelche Savannen rennen und gegen Löwen kämpfen müssen. Wir werden täglich gebürstet und wenn es irgendwo juckt, dann kommt sogar ein Tierarzt und stellt dich für das Abendprogramm wieder auf die Beine. Und wenn wir alt werden, dann dürfen wir in den Zoo und können das Leben genießen genauso wie unsere Vorfahren. Das ist die Tradition und unsere Eltern werden stolz auf uns sein, wenn wir bis dahin tun, was wir am besten können. Wir sind eine Zirkusfamilie Samira – vergiss das nicht! Das schafft nicht jeder Elefant – und damit solltest du mehr als zufrieden sein.»
Samira kullerte eine dicke Träne über den Rüssel. Sie wollte nichts mehr sagen, denn sie wusste, dass Jamiro sie nicht verstehen würde. Träume entstehen tief im Herzen und nicht im Kopf. Ihr Herz schmerzte vor Kummer und im Hals saß ein dicker Kloß, der ihr den Atem abschnürte.

Traurig stand Samira in ihrer Box und dachte nochmals über alles nach. In ihrem Rüssel hielt sie eine kleine Muschel aus Plastik die sie vor langer Zeit gefunden hatte und seither immer bei sich trug. Sie wusste, dass die Muschel nicht echt war, denn eine Möwe hatte ihr verraten, dass die echten Muscheln nach Salz riechen wenn sie aus dem Meer kommen. Aber das war Samira egal. Sie fand die Muschel wunderschön und eines Tages würde sie in einer Lagune mit smaragd-grünem Wasser die richtigen Muscheln sammeln. Genauso wie auf dem großen Bild in der Stadt. Es gab nichts was sie lieber wollte als zu sehen, wie die Wellen an den Felsen zu weißem Schaum zerbrechen. Den weichen Sand unter ihren Füssen zu spüren und im Schatten einer großen Palme dem Wind zuhören.

Sie horchte gerade dem Rauschen der Wellen als ihr Traum erneut von Jamiros Stimme unterbrochen wurde:
«Samira, ich weiß nicht was du vor hast, aber ich weiß genau, dass dich die Menschen da draußen töten werden. Wenn du uns verlässt, werden sie dich suchen und du wirst sterben.»
Samira sah Jamiro ernst an. «Wir werden alle sterben Jamiro! Und ich möchte nicht sterben ohne es zumindest versucht zu haben. Verstehst du? Ich weiß nicht was mich da draußen erwartet. Vielleicht werde ich wirklich verhungern oder verdursten und ich weiß nicht mal ob ich das Meer überhaupt finden werde. Gut möglich, dass ich einsam und alleine da draußen die Orientierung verlieren werde und mir wurde auch nicht beigebracht, wie ich in der Natur überleben kann. Ich befürchte sogar, dass ich für ein solches Abenteuer schon zu alt bin. Und trotzdem träume ich Tag und Nacht von der Lagune. Und mit jedem Tag, an dem ich diesen ganzen Zirkus hier mitmache, schreit mein Herz noch lauter nach Meer.» Samira und Jamiro sahen sich reglos in die Augen.

Nach einer Weile schloss Jamiro die Augen und sagte mit sanfter Stimme: «Samira, du kannst nicht gehen! Wir brauchen dich doch hier. Du bist ein wichtiger Teil der Zirkusvorstellung. Die Zuschauer werden dich vermissen. Der Zirkusdirektor wird vor Wut toben und die Zeitungen im ganzen Land werden hässliche Artikel über dich und den Zirkus schreiben. Willst du das wirklich? Samira, du trägst eine große Verantwortung gegenüber deiner Familie und dem Zirkus.»
Samira’s Lippen zitterten und ihr wurde ganz kalt. Sie war müde und fühlte sich leer. Sie drehte sich von Jamiro ab und flüsterte leise zu sich selbst: «Was für ein Zirkus!»

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